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Hinweise zu Corona beim Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

nachstehend übersendet Ihnen der Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden e.V. eine Handreichung über die Thematik, welche speziellen Erfordernisse für blinde und sehbehinderte Menschen zum Umgang mit der Corona-Situation notwendig sind.

 

Wie Sie selber lesen, betreffen viele Aspekte die besonderen Regelungen, die durch optische Ereignisse oder Gestik / Mimik ausgelöst werden.

 

Wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie die Funktion eines Multiplikators übernehmen würden.

 

Bitte verteilen Sie unsere Informationen weiter an die geeigneten Stellen innerhalb Ihres Umfeldes. Diese Stellen können beispielsweise sein:

- Die Verkehrsbetriebe

- Der Einzelhandel

- Die besonderen Corona-Bündnisse in den Kommunen

- Ihre Stadt- oder Gemeinderäte oder auch

- Pflegeeinrichtungen und Seniorenheime.

 

Wir danken für Ihre Mithilfe.

 

Freundlichen Gruß

Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden e.V.

Mischa Knebel

Geschäftsführer

Mischa Knebel

knebel@bsvsb.org

 

.: Geschäftsstelle:

.: Wölflinstr. 13

.: 79104 Freiburg

.: Telefon: (0761) 36122

 

 

Quelle: Meldung aus der Sichtweisen 07/08 - 2020 (Zeitschrift des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. - DBSV)

 

Mehr Gelassenheit, mehr Verständnis

Manche blinden und sehbehinderten Menschen trauen sich kaum noch aus dem Haus, seitdem Corona den Alltag bestimmt. Nicht nur, dass die neue Situation es massiv erschwert, mit Seheinschränkung allein im öffentlichen Raum zurechtzukommen, parallel sinkt auch noch die Hilfsbereitschaft der sehenden Mitmenschen.

Eine Befragung des DBSV hat sich damit beschäftigt, zu welchen Problemen das führt und was Sehende zur Lösung beitragen können.

Von Volker Lenk

Wer sehbehindert oder blind ist, steht seit Beginn der Corona-Krise im März 2020 vor neuen Problemen im Alltag. Der DBSV hat deshalb im Mai eine Umfrage durchgeführt und die Ergebnisse zum Sehbehindertentag im Juni veröffentlicht. "Welche Unterstützung wünschen Sie sich in Corona-Zeiten von Ihren sehenden Mitmenschen?", wollte der Verband wissen und mehr als 200 Betroffene haben ihre Wünsche und Tipps eingesandt.

"Zwei Informationen nehme ich aus den Antworten mit", sagt DBSV-Präsident Klaus Hahn. "Viele Menschen mit Seheinschränkung leiden ganz enorm unter der neuen Situation  -  und oft wäre die Lösung verblüffend einfach."

Im Folgenden werden die am häufigsten genannten Wünsche aufgeführt  -  nach Themenbereichen sortiert. Sie sind zugleich Tipps für sehende Menschen. Die Reihenfolge gibt nicht die Häufigkeit der Nennungen wieder.

1. Hilfe anbieten

Wie viel Hilfe ein sehbehinderter Mensch braucht, hängt unter anderem ab von seiner Erfahrung, seinem Wissen und seiner Tagesform. Aber Hilfe anzubieten, ist niemals falsch und auch aus sicherer Entfernung möglich. Ein Satz wie "Die Dame mit dem weißen Stock  -  kann ich Ihnen helfen?" ist völlig in Ordnung.

2. Reden

In Zeiten des Abstandhaltens sind sehbehinderte und blinde Menschen noch mehr als sonst darauf angewiesen, dass man mit ihnen spricht. "Ich sage Ihnen gern Bescheid, wenn Sie dran sind." "Einen Meter rechts von Ihnen ist ein Spender für Desinfektionsmittel." "Wenn Sie einen Schritt zurückgehen, stehen Sie hinter der Markierung." Ein Großteil der Befragten kann gar nicht genug von freundlichen Hinweisen dieser Art bekommen.

3. Abstand halten

Ob auf dem Bürgersteig oder in der Straßenbahn  -  viele Menschen mit Seheinschränkung bekommen nicht früh genug mit, wenn ein zu geringer Abstand droht.

Deshalb sind sie darauf angewiesen, dass man ihnen ausweicht. Sollte das nicht möglich sein, weil man im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand

steht: Einfach etwas sagen!

4. Busfahren

Seit der vordere Bereich in Bussen abgesperrt ist, können sehbehinderte und blinde Menschen nicht mehr wie gewohnt beim Fahrer einsteigen, ihn fragen, auf welcher Linie er fährt, und sich dann auf die vorderen Plätze für schwerbehinderte Menschen setzen. Deshalb ist es hilfreich, wenn jemand anbietet, die an der Haltestelle ankommenden Buslinien anzusagen und bei der Suche nach Bustür und Sitzplatz als "Navi" zu dienen.

5. Einkaufen

Viele Befragte haben Schwierigkeiten mit der Pflicht, einen Einkaufswagen zu benutzen, weil das den Einsatz ihres weißen Stockes unmöglich macht. Wer Nudelpackungen abtastet, um die richtige Sorte zu erwischen, muss sich auf böse Kommentare gefasst machen. Auch Abstandsmarkierungen, die mit dem Stock nicht ertastet werden können, sorgen für Probleme. In vielen Situationen wäre mehr Gelassenheit beim Personal und den anderen Kunden sehr willkommen.

6. Neue Regeln

Seit März werden vielerorts Zettel ausgehängt, um die Zahl der Kunden zu beschränken, Eingang und Ausgang zu trennen oder das Hygiene-Konzept vorzustellen.

Die Befragten würden die neuen Regeln gern beachten, können die Zettel aber nicht lesen und benötigen deshalb Unterstützung. Hinweise könnten beispielsweise in großer Schrift oder als E-Mail angeboten, im Internet veröffentlicht oder vom Personal und anderen Kunden vorgelesen werden.

7. Kontraste

Viele Bereiche in Supermärkten, Arztpraxen, Bäckereien etc. sind in den vergangenen Wochen mit transparentem Plexiglas "verbarrikadiert" worden. Sehbehinderte Menschen stoßen sich daran die Köpfe und verbringen viel Zeit damit, die "Durchreiche" zu suchen. Was spricht dagegen, die Ränder der Scheiben mit kontrastreichem Klebeband zu markieren? Auch der Kontrast von Markierungsstreifen zum Fußboden könnte oft optimiert werden.

8. Masken

An alle Träger von Mund-Nasen-Bedeckungen geht die Bitte, besonders klar und deutlich zu sprechen, weil viele sehbehinderte Menschen nicht in der Lage sind, sprachbegleitende Gesten wahrzunehmen. Einige der Befragten wünschen sich Verständnis dafür, dass sie aufgrund einer bestimmten Seheinschränkung keine Maske tragen  -  sie könnten sonst gefährliche Hindernisse wie abwärts führende Treppenstufen nicht mehr erkennen.

9. Warteschlangen

Die neuartigen "Corona-Schlangen" mit Abstand zwischen den Wartenden sind für viele sehbehinderte und blinde Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie würden sich freuen zu erfahren, dass es eine Schlange gibt, ob sie zur Post oder zum Bäcker führt, wo man das Ende der Schlange findet und wann man vorrücken soll.

10. Verständnis

Zahlreiche Befragte geben an, dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen, aus Sorge, etwas falsch zu machen. Sie wünschen sich weniger Bemerkungen wie "Steht doch da" und "Warum nehmen Sie sich keine Begleitung mit?". Stattdessen wünschen sie sich mehr Gelassenheit, mehr Hilfsbereitschaft, mehr Kommunikation und mehr Verständnis für ihre Situation.

 

Dazu ein Bild: Eine Frau mit Langstock betritt an einer Warteschlange vorbeigehend ein Geschäft. Viele blinde Menschen würden sich freuen, wenn ihnen jemand freundlich mitteilt, wo das Ende einer Schlange ist und wann sie vorrücken können.