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Bericht: Vorortbegehung Neue UB, 15.10.2015

UB ohweh?

Die Meinungen gehen weit auseinander, aber nun ist sie offiziell eröffnet – die neue Universitätsbibliothek in Freiburg (UB). Mit einer Extrabeilage berichtet die Badische Zeitung am 12. Oktober über die Eröffnung. Darin wird die UB als im Großen und Ganzen gelungen, modern und barrierefrei beschrieben. Es bestünden zwar noch kleinere Probleme, aber die Verantwortlichen seien sich derer bewusst und um Lösungen bemüht.

Kritischer liest sich ein Beitrag des Freiburger Wochenberichts vom 14. Oktober, der sich umfassend dem Thema Barrierefreiheit widmet. Dort kommt Andreas Hanka vom Referat „Studieren ohne Hürden“ der Studierendenvertretung ausführlich zu Wort. Seiner Meinung nach besteht noch „erheblicher Nachbesserungsbedarf“ bei diesem Thema. Hauptkritikpunkte sind der Nebeneingang für Blinde, ein fehlender Rückzugsraum für Menschen im Rollstuhl oder mit psychischen Beeinträchtigungen und eine unzureichende Ausstattung mit höhenverstellbaren Arbeitstischen.

Es steht außer Frage, dass der meinungsspaltende Neubau für viele Menschen ein zentraler Anlaufpunkt im Zentrum Freiburgs ist. Umso wichtiger ist deswegen die Frage nach der, u.a. im Flyer „die ub im probebetrieb", angekündigten Barrierefreiheit. Aus diesem Grund kamen Vertreter des Behindertenbeirates Freiburg, Blinde und Sehbehinderte sowie Mitarbeiter des Netzwerks Inklusion Region Freiburg zu einer UB-Führung am 15.10.2015 zusammen. Unter Leitung von Andreas Haitz-Fliehmann (Projektleiter im Uni-Bauamt) und in Begleitung von Dr. Petra Markmeyer-Pieles (Stabsleiterin Sicherheit) machte sich eine Gruppe von etwas mehr als zehn Personen daran, die UB aus ihrer persönlichen Perspektive zu erkunden.

Folgende Punkte wurden von der Gruppe ausgiebig getestet und mit den Zuständigen besprochen:

  • Drehtüren an den Eingängen

Die Einrichtung eines speziellen Knopfes zur Verlangsamung der beiden Drehtüren an Vorder- und Rückseite der UB ist für Menschen im Rollstuhl prinzipiell eine gute Idee. Schwierigkeiten für die Nutzer entstehen allerdings durch die einseitige Anbringung der äußeren Knöpfe, da zahlreiche Rollifahrer die verwinkelt angebrachten Schalter nicht erreichen können (siehe Bildergalerie). Abhilfe könnten zusätzliche Installationen auf denen für Rollifahrer einfacher zu erreichenden Eingangsseiten schaffen.

  • Blindenleitsystem im Außenbereich

Um als Blinder oder Seheingeschränkter das UB-Quadrat zu erreichen, können die Belfort- und die Milchstraße mit Hilfe von Blindenleitsystemen überquert werden. Leider münden die Leitsysteme in Sackgassen, sodass der Blinde umkehren und sich an der Bordsteinkante orientieren muss. Positiv wurde das Leitsystem vom Bordstein zum Seiteneingang aufgenommen (siehe Bildergalerie). Dort sollte lediglich auch der Bordstein mit einer taktilen Markierung versehen werden, damit Blinde das System auch finden. Warum das Blindenleitsystem nicht vollständig im neu gestalteten UB-Quadrat installiert wurde (z.B. über den Bibliotheksvorplatz) und damit die gefährliche Bordstein-Variante überflüssig machen würde, könnte sich auf die unterschiedlichen Zuständigkeiten im Außenbereich zurückführen lassen (Stadt und Universität). Hier sieht das Netzwerk ebenfalls noch Handlungsbedarf.

  • Seiteneingang für Blinde und sehbehinderte Menschen

Aus Sicherheitsgründen ist der Zugang über die Drehtüren für Menschen mit Seheinschränkung nicht vorgesehen. Ein separater Seiteneingang soll als Zugang dienen. Ein Leitsystem führt vom Bordstein bis zur Tür (siehe Bildergalerie). Auf die Bordsteinproblematik wurde bereits im vorangegangenen Punkt „Blindenleitsystem im Außenbereich“ eingegangen. Menschen mit Sehbehinderung müssen sich vorab anmelden, um eine Einweisung sowie eine Berechtigung (auf Chip-Karte hinterlegt) für diese Tür zu erlangen. Von Seiten der Universität ist ein Öffnen mit der Chip-Karte und gleichzeitiger Klinkenbetätigung zur Auslösung der motorgestützten Türöffnung vorgesehen. Damit soll ein 24-h-Zugang gewährleistet werden. Laut Universität wird an dieser Tür bzw. dem Türsystem noch gearbeitet.

Ein weiterer Kritikpunkt besteht in der schlechten farblichen Abgrenzung der Tür gegenüber der umgebenden Fassade. Was für das allgemeine Erscheinungsbild der Fassade vielleicht von Vorteil ist, ist für eine seheingeschränkte Person ein unnötiges Hindernis bei der Türsuche und damit beim Betreten der UB.

  • Blindenleitsystem im Innenbereich

Nach Betreten der UB über den Seiteneingang finden Besucher_innen sich im Bistro wieder. Das Leitsystem führt allerdings nicht zur Bistro-Theke sondern durch schmale verwinkelte Gänge, vorbei an Schließfächern, quer durch das Erdgeschoss der UB zur Info-Theke. Großer Vorteil am installierten System sind die im gesamten Erdgeschoss herausnehmbaren Bodenfließen (inkl. Leitsystem), sodass hier schnell und einfach eine Anpassung erfolgen kann.

Die Tatsache, dass ein Seheingeschränkter erst die UB queren muss, um wichtige Informationen zur Orientierung im Gebäude zu erhalten, ließe sich über ein blindengerechtes Infoterminal direkt am Seiteneingang zumindest teilweise beheben.

  • Info-Theke

Eine Überraschung erwartet Menschen im Rollstuhl oder klein Gewachsene an der Info-Theke, denn sie verfügt erfreulicherweise über absenkbare Arbeitsflächen mit ausfahrbaren Schreibflächen (siehe Bildergalerie). So kann das Ausfüllen und Unterschreiben von Dokumenten auf einer passenden Arbeitshöhe erfolgen.

Die Automaten zum Aufladen (u.ä. Funktionen) der Uni-Card finden sich ebenfalls in der Haupthalle. Ihre hohe Anbringung erschwert Menschen im Rollstuhl und kleinen Menschen den Blick auf den Bildschirm und das Erreichen des Tastenfeldes (siehe Bildergalerie). Höhenverstellbare Automatenaufhängungen oder extra tiefe Automaten würden dieser Personengruppe den Zugang sichern. Ein Unterfahren der Automaten ist bereits jetzt möglich.

  • Toiletten / Behindertentoiletten

Aus der Ferne fällt es selbst uneingeschränkt sehfähigen Menschen schwer die Piktogramme für Frauen und Männer zu unterscheiden (siehe Bild). Derzeit sind die Schilder oder Türklinken auch nicht mit Braille-Schrift versehen, was die Frage aufwirft, wie blinde Menschen die richtige Toilettentür finden sollen. Erfreulich aufgefallen ist v.a. den Vätern der Wickeltisch in der Herren-Toilette.

In den Behindertentoiletten dürfen Handtuchspender und Mülleimer anders positioniert werden, um ein beidseitiges Umsetzen auf die Toilette zu ermöglichen. Ein unterfahrbares Waschbecken und ein großer Spiegel sind vorhanden. Zusätzliche niedrig angebrachte Kleiderhaken wurden in die Verbesserungsliste aufgenommen. Auch wenn das Behinderten-WC etwas eng wirkt sind sich die teilnehmenden (Elektro-)Rollstuhlfahrer_innen durchweg einig, dass es den Alltagsanforderungen genügt und vorausschauend geplant wurde.

  • Aufzüge

Mit einem Euro-Schlüssel können Menschen im Rollstuhl sich ein Aufzug rufen (Sonderfahrt), was Schwierigkeiten mit Fußgängern und lange Wartezeiten verhindert. Vor allem vor dem Hintergrund der doch eher engen Aufzüge, scheint dies eine gelungene Funktion zu sein. Der enge Aufzug bietet einem Elektro-Rollstuhl ohne Begleitung Platz, was auf die Weiterführung der alten Aufzugschächte zurückzuführen ist. Eine Krankenliege hat ebenfalls keinen ausreichenden Platz, obwohl selbst viele Wohnungsneubauten diesen gesundheitsrelevanten Aspekt vorweisen können. Die Bedienung des Fahrstuhls erfolgt über ein senkrechts angebrachtes Tastenfeld. Wünschenswert wäre ein zusätzlich schräges Tastenfeld, das es Menschen mit verminderter Armkraft auch ermöglicht Stockwerke ohne fremde Hilfe anzufahren. Die für blinde und seheingeschränkte Menschen besonders wichtige Stockwerksansage fehlt gänzlich, was dringend und zeitnah behoben werden muss. Ohne diese Ansage ist eine selbstständige Orientierung nicht möglich.

  • Blinden-Arbeitsplätze

Hier zeigt sich, dass die Zuständigen nicht nur auf eine rollstuhlgerechte Bauweise und ein Blindenleitsysteme geachtet haben, sondern auch auf die speziellen Anforderungen Blinder an einen Arbeitsplatz. So werden in zwei separaten Räumen Bildschirmlupen, Vorlesegeräte und Braille-Tastaturen zur Verfügung gestellt. Bisher sind beide Räume nicht über ein Blindenleitsystem erreichbar, was aber in Zusammenarbeit mit Betroffenen weiter erörtert werden kann und sollte.

  • Feueralarm

Sehr gute Lösung für höreingeschränkte Menschen stellen die an der Info-Theke erhältlichen Vibrationsalarme dar, die bei Feuer aktiv werden.

Ein weiterer Verbesserungsvorschlag aus Sicht des Netzwerk Inklusion Region Freiburg betrifft die Auffindbarkeit von Informationen zur Barrierefreiheit auf der Internetseite der UB. Statt einer langwierigen Suche, wäre hier ein einfaches Symbol auf der Startseite mit Verlinkung die einfachste und schnellste Lösung.

Die neue UB ist seit nun etwa einer Woche offiziell in Betrieb und viele Abläufe müssen sich noch bewähren. An manchen Stellen muss zum Erreichen der gewünschten Barrierefreiheit noch nachgebessert werden, aber entscheidend ist der offensichtliche Wille und die Offenheit der Zuständigen (bei Stadt und Universität) sich mit Vertretern der Betroffenenverbänden (innerhalb und außerhalb der Universität) zusammenzusetzen, um an bedarfsgerechten und zielorientierten Lösungen zu arbeiten. Die Bereitschaft und das Problembewusstsein sind bereits vorhanden. Jetzt gilt es, sich weiter intensiv mit der Thematik zu befassen. Hierbei ist das Netzwerk Inklusion Region Freiburg gerne unterstützend tätig.

Inklusion lässt sich nicht sofort und gänzlich umsetzen. Die UB befindet sich aber auf einem guten Weg dorthin.

 

Quellen:

Beitrag des Studierendenrates

Freiburger Wochenbericht

 

 

Impressionen von der UB-Begehung