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Bericht: Fachgespräch "Kinder & Jugendliche mit schweren Mehrfachbehinderungen", 9.10.2015

Der Mehrzweckraum im neuen Anbau des Korczak-Haus Freiburg war anlässlich des Fachgesprächs „Kinder und Jugendliche mit schweren Mehrfachbehinderungen“ am 9. Oktober bis auf den letzten Platz gefüllt. Mehr als 60 Menschen waren der Einladung des Netzwerk Inklusion Region Freiburg und des Korczak-Haus Freiburg gefolgt.

Einrichtungsleiter Andreas Wand eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort und stellte kurz das Korczak-Haus Freiburg vor. Anschließend übergab er das Wort an Annegret Heinze, die als Elternvertreterin in das Thema einführte.

Verkehrsbedingt verzögerten sich die Beiträge von Jutta Pagel-Steidl (Geschäftsführerin Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg e.V.) und Prof. Dr. Wolfgang Praschak (Professor für Erziehungswissenschaft mit Studienschwerpunkt „Beeinträchtigung der körperlichen und motorischen Entwicklung“, Universität Hamburg). Deswegen stellte Pia-Maria Federer, Geschäftsführerin des Paritätischen Freiburg und Gemeinderätin, zunächst das Netzwerk Inklusion Region Freiburg vor. Frau Federer referierte über die umfangreichen Aktivitäten des Netzwerks und nannte exemplarisch einige der über 70 Mitglieder aus allen gesellschaftlichen Bereichen sowie verschiedene Gremien (u.a. die Arbeitsgruppen „Kinder, Jugendliche und Bildung“ und „Begleitung Stadt bei der Gesamtstrategie Inklusion“). Zum Ende ihrer Ausführungen verwies Frau Federer auf die aktuelle Relevanz des Themas Inklusion für die lokalpolitische Agenda, da der Freiburger Gemeinderat in der Sitzung am 27. Oktober über den „Aktionsplan für ein inklusives Freiburg“ abstimmen wird. Dies sei ein wichtiger Baustein auf dem Weg Freiburgs in ein inklusives Gemeinwesen, den das Netzwerk intensiv mit der AG „Begleitung Stadt bei der Gesamtstrategie Inklusion“ unterstützt.

In der anschließenden kurzen Podiumsdiskussion fragte Wulf Rüskamp, Redakteur der Badischen Zeitung, was der Begriff Inklusion für die Gäste bedeute. Frau Heinze bezeichnete es als Selbstverständlichkeit, dass Kinder - ob mit oder ohne Handicap - gemeinsam ihren Lebensweg gehen sollten. Die übrigen Podiumsteilnehmer_innen stimmten zu. Anke Dallmann, Sprecherin des Netzwerks und Stadträtin, wies auf mangelnde Sensibilisierung für das Thema Inklusion hin. Dies zeigten Ergebnisse des UN-Monitoring-Berichts, der die Umsetzung des Inklusionsgedankens in den Vertragsstaaten des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention, UN-BRK) dokumentieren soll. Elternvertreterin Irmgard Sutter mahnte die Anwesenden, Inklusion nicht nur auf den Bildungsbereich zu beschränken. Wichtig sei, dass Kinder auch außerhalb der Schule Zeit miteinander verbringen und gemeinsam aufwachsen.

Die Diskussion wurde von der Ankunft von Jutta Page-Steidl „unterbrochen“, die nach längerer Wartezeit im Stau umgehend mit ihrem Vortrag „Zur aktuellen Situation von Familien mit Kindern mit schweren Mehrfachbehinderungen in Baden-Württemberg“ begann. In ihrem unterhaltsamen Referat, das immer wieder für Schmunzeln bei den Zuhörer_innen sorgte, stellte sie eine starke Belastung der betroffenen Familien aufgrund umfangreicher bürokratischer Vorgaben fest. Durch eine Reduzierung des Verwaltungsaufwandes könnten die Familien spürbar entlastet werden!

In der Zwischenzeit war auch Prof. Dr. Wolfgang Praschak, der vor seiner Professur u.a. als Sonderschullehrer tätig war, angekommen. Seinen Vortrag zum Thema „Kinder und Jugendliche mit schweren Mehrfachbehinderungen und Inklusion“ musste er aufgrund der im Stau verlorenen Zeit leicht kürzen. Er betonte, dass Inklusion ein Menschenrecht sei, das für alle gelte. Einen "Rest", der nicht "inkludierbar" sei, gebe es nicht, höchstens Barrieren, die die volle Teilhabe verhindern würden! Deswegen müssten die sog. Regelschulen zu einem „Bildungssystem der Vielfalt“ entwickelt werden, um auch den Bedürfnissen von schwer mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Ansonsten würden den Betroffenen die ihnen zustehenden Menschenrechte vorenthalten.

Anschließend zählte Professor Praschak Hemmnisse (frühe und nachhaltige Selektion, kein umfassender Bildungsbegriff) und Ermöglichungsfaktoren (Interdisziplinarität, persönliche Assistenz, inklusionspädagogische Ausbildung) für die volle und wirksame Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit schweren Mehrfachbehinderungen auf. Erschwerend komme die nicht verwirklichte Barrierefreiheit an den „Regelschulen“ hinzu. Dies führe dazu, dass die „Sonderschulen“ für körperlich eingeschränkte Menschen die eigentlichen "Regelschulen" sein. Zum Ende seiner Ausführungen legte Professor Praschak dem Publikum ans Herz, den Inklusionsprozess aktiv und kritisch zu begleiten, ohne in blinden Aktionismus zu verfallen.

Die anschließende Podiumsdiskussion mit Irmgard Sutter, Prof. Dr. Praschak und Hermann Maier (Leiter Amt für Schule und Bildung Freiburg) war von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, auch wenn strittige Themen angesprochen wurden:

Hermann Maier stellte die Bereitschaft des „Systems Schule“ in Frage, den Inklusionprozess aktiv voranzubringen. Auch betonte er, dass die inklusive Umgestaltung des Bildungssystems nicht mit der Abschaffung von „Sonderschulen“ gleichzusetzen sei. Sonderpädagogische Ansätze sollten sich aber nicht nur auf segregierende Schultypen beschränken, sondern auch von "Regelschulen" aufgegriffen werden. Bisher sei das Thema Inklusion von den "Regelschulen" noch nicht ausreichend beachtet worden.

Einigkeit herrschte bei der Frage, wie Inklusion vorangebracht werden kann: Für strukturelle Veränderungen brauche es die Politik. Hier müsse man Politiker_innen auf allen Ebenen durch aktive Lobbyarbeit für das Thema gewinnen. Die Verantwortlichen müssten merken, dass Inklusion weit oben auf der gesellschaftspolitischen Agenda rangiert. Jutta Page-Steidl ergänzte, dass es viele, wenn auch kleine Schritte benötige. Die Umsetzung der Inklusion sei eben mit Arbeit verbunden und nicht „einfach so“ zu bekommen. Zur Verwirklichung des Inklusionsgedankens seien außerdem nicht nur die Institutionen in der Pflicht, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Vielmehr müsse auch die Bevölkerung sensibilisiert werden, um den notwendigen Paradigmenwechsel mitzutragen. Daher sei es ebenso wichtig, Ängste und Befürchtungen, die im Zuge des Inklusionsprozesses aufkommen, ernst zu nehmen und sich mit diesen zu beschäftigen. Inklusion könne nur verwirklicht werden, wenn alle mit ins Boot geholt werden. Insofern sei es umso wichtiger, die Bewusstseinsbildung durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützten. Verantwortlich für die Implementation sind nach Professor Praschak Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, könne die aktuelle Maxime Angela Merkels - die sich im Übrigen auch auf den Inklusionsgedanken bezieht - in die Tat umgesetzt werden: Wir schaffen das!

Zum Abschluss der Beiträge ergriff Anke Dallmann das Wort und bekräftigte Professor Praschaks Anmerkungen. Sie wies darauf hin, dass eine umfassende Diskussion mit Akteuren aus allen Lebensbereichen notwendig sei. Hier sei das Netzwerk mit seinen zahlreichen Mitgliedern das richtige Forum. Auch Frau Dallmann machte auf die Sitzung des Freiburger Gemeindesrats am 27. Oktober 2015 aufmerksam, während der über den „Aktionsplan für ein inklusives Freiburg“ öffentlich abgestimmt wird. Alle Interessierten seien aufgerufen, der Sitzung beizuwohnen. Nähere Information zur Abstimmung finden Sie HIER.

Nach der Veranstaltung entspann sich zwischen den Gästen manches interessante Gespräch, und der Abend klang in gemütlicher Runde bei Häppchen und Getränken aus,

 

HIER finden Sie den Artikel der Badischen Zeitung.

Hier sehen Sie einige Impressionen des Nachmittags in einer Bildergalarie:
 Frau Federer stellt das Netzwerk vor
Das interessierte Publikum hört aufmerksam zu
Frau Pagel-Seidl referiert.
Frau Pagel-Seidl während ihres Vortrags.
Prof. Praschak, Fr. Sutter, Hr. Rüskamp, Hr. Maier und Fr. Page-Steidl bei der Diskussion 1
Prof. Praschak, Fr. Sutter, Hr. Rüskamp, Hr. Maier und Fr. Page-Steidl bei der Diskussion
Zuhörerinnen stellen Fragen
Prof. Praschak, Fr. Sutter, Hr. Rüskamp, Hr. Maier und Fr. Page-Steidl bei der Diskussion
Intensive Diskussionen zwischen Podium und Publikum.
Prof. Praschak, Fr. Sutter, Hr. Rüskamp, Hr. Maier und Fr. Page-Steidl bei der Diskussion
Angeregter Austausch der Teilnehmerinnen nach dem Ende der Veranstaltung.
Geselliger Ausklang und angeregte Konversationen ....